Das Gemälde bildet die rückseitige Darstellung zur „Maria mit dem Kind am Fenster“ (vgl. Washington, NGA, Inv.-Nr. 1952.2.16.a). Dürer gibt in diesem Gemälde in einer weit gefassten Landschaft die alttestamentarische Szene der Flucht Lots mit seinen Töchtern aus Sodom wieder (Gen 19, 24–29). Im Vordergrund sieht man Lot mit seinen beiden Töchtern, die Hab und Gut aus der bereits weit in den Hintergrund getretenen und lichterloh brennenden Stadt bringen. Lots zur Salzsäule erstarrte Frau ist im Hintergrund vor der Felsformation zu erkennen.
Als Werk Dürers führte erst Max Friedländer 1934 die Tafel in die kunsthistorische Forschung ein. Zuvor blieb sie trotz Beschreibung der Darstellung bei Christoph Gottlieb von Murr als Bild "von einem unbekannten sehr alten Meister" im Praunschen Kabinett unbekannt (vgl. Murr 1778, S. 476, Nr. 239). Erst 1932 tauchte sie in Privatbesitz auf und wurde im selben Jahr auf einer Auktion bei Christies (London) versteigert (vgl. Best.-Kat. Washington 1993; Ausst.-Kat. Wien 2003, S. 178).
Die undatierte Tafel wurde nach 1491 vom Nürnberger Patrizier Wolf III. Haller von Hallerstein in Auftrag gegeben, der in diesem Jahr Ursula Koberger heiratete. Das Familienwappen Hallers und die Hausmarke Kobergers sind auf der Vorderseite der Tafel am unteren Bildrand auf der Brüstung angebracht. Das Monogramm auf dem Stein oberhalb des Wegrandes ist nach neuesten technologischen Untersuchungen nicht original und wurde von späterer Hand hinzugefügt (vgl. Delaney et al. 2013, S. 1036).
Die Darstellung und ihr Bezug zur vorderseitigen Malerei gibt der Forschung bis heute Rätsel auf. So lässt sich kein eindeutiger ikonografischer Zusammenhang zum Andachtsbild der Maria mit dem Kind am Fenster feststellen. Laut Fedja Anzelewsky handelt es sich bei Dürers Darstellung der alttestamentarischen Szene um die erste Darstellung der Geschichte in der Tafelmalerei überhaupt (vgl. Anzelwsky 1991 I, S. 143). Die Wahl des Bildthemas könnte auf den Wunsch des Auftraggebers zurückzuführen sein (vgl. Grosse 2012, S. 335). Zudem unterscheidet sich auch die Malweise deutlich von der Feinmalerei der Vorderseite. Dürer hat die Szene auf der Rückseite eher summarisch und skizzenhaft auf die ungrundierte Tafel aufgetragen (vgl. Best.-Kat. Washington 1993, S. 54; Ausst.-Kat. Wien 2003, S. 178; Große 2012, S. 334).
S. 476, Nr. 239
S. 72
S. 51