Das Gemälde zeigt die Wirren um das Auffinden eines ertrunkenen, von den Eltern betrauerten Knaben. Der Ort lässt sich aufgrund von Dürers akkurater Wiedergabe der Landschaft genau rekonstruieren: Die Szene spielt sich am südöstlichen Uferabschnitt des Bodensees bei Bregenz ab. Im Hintergrund über der Ortschaft Rheineck und der heutigen Kleinstadt Rorschach ist der zerklüftete Altmann und der Säntis (höchster Berg des Alpsteinmassivs in den Appenzeller Alpen) zu sehen (vgl. Stadlober 2024, S. 121).
Das Gemälde gibt mit der Darstellung eines angeblich 1429 durch jüdische Mitbürger*innen begangenen Ritualmords an einem Ravensburger Jungen einen antisemitischen Stereotypen der Zeit wieder. Hass-schürende Legenden wie diese wurden im Zuge der sich verstärkenden anti-jüdischen Gesinnung und Judenverfolgung verbreitet, so auch durch dieses Gemälde, das wohl den oberen Teil eines Altarflügels für eine Ravensburger Kirche bildete (vgl. Ausst.-Kat. Wien 2003, S. 134).
Die Tafel wurde 1932 erstmals von Otto Benesch als Arbeit eines Dürer-Mitarbeiters in die Forschung eingeführt (Benesch 1932, S. 11, Anm. 2). Seither wird die Urheberschaft Dürers immer wieder bezweifelt (vgl. Ausst.-Kat. Wien 2003, S. 136), die Zuschreibung in neueren Publikationen aber größtenteils akzeptiert (vgl. Ausst.-Kat. Frankfurt 2012, S. 60; Stadlober 2024, S. 121). Die Entstehung des undatierten Gemäldes wird in die Zeit von Dürers Gesellenreise in Ravensburg oder Basel eingeordnet und ist damit eines seiner frühesten Werke. Gestützt wird diese Annahme durch Analogien in der Malweise und Unterzeichnung mit dem Bildnis von Dürers Mutter Barbara Dürer von 1490 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv.-Nr. Gm1160; vgl. Ausst.-Kat. Frankfurt 2012, S. 60). Auch die Nähe zu den Zeichnungen auf den Holzstöcken einer geplanten Baseler Gesamtausgabe der antiken Komödien des Terenz von um 1492/ 1493, an der Dürer möglicherweise beteiligt war, wird seit Benesch diskutiert (vgl. Benesch 1932, S. 11, Anm. 2; Schade 2001, S. 52).
Benesch schildert außerdem, dass sich die Tafel 1932 im Besitz des Grafen Wilczek in seiner Gemäldekammer auf Schloss Kreuzenstein bei Wien befand. Erstmals sicher nachgewiesen ist es in der Privatsammlung Heinz Kisters, der das Gemälde 1952 erwarb.
S. 276, Nr. FW 1