Während seiner berühmten niederländischen Reise in den Jahren 1520/ 1521 führte Dürer ein bereits für Silberstiftzeichnungen präpariertes Skizzenbuch mit sich, um Eindrücke spontan festhalten zu können (vgl. Nesselrath 2021, S. 229). Die Blätter des nachträglich aufgelösten Buches verwendete der Künstler zumeist beidseitig. Im vorliegenden Fall findet sich ein liegender Hund auf der Kehrseite, der mit der Inschrift "zw ach gemacht" und Dürers Monogramm versehen ist. Die Zeichnungen der Vorder- und Rückseite sind in den gängigen Werkverzeichnissen unter jeweils eigener Nummer geführt (vgl. Winkler IV, S. 16-17, Nr. 766-767; Strauss 1974 IV, S. 1948, 1520/23 und S. 1950, 1520/24).
Auf der anderen Seite des Blattes, das sich seit 1848 im British Museum befindet, sind „Zwei Frauen in ganzer Figur“ skizziert. Die linksseitig gezeichnete Frau entstand nach einer Statuette, die das Ende der 1470er Jahre in der Abtei St. Michael in Antwerpen aufgestellte Grab der Herzogin Isabella von Burgund zierte. Zuvor hatten Forschende irrigerweise angenommen, dass Dürer damit eine Figur des Grabes von Johanna von Brabant aus der Karmeliterkirche in Brüssel oder ein Abbild der Margarethe von Savoyen wiedergegeben habe (vgl. Tietzes 1938 II, S. 13, Nr. 769). Die Abteikirche in Antwerpen wurde im 19. Jahrhundert zerstört, doch Isabellas Grab dekonstruiert, sodass die Statuen, wie andere Stücke der bedeutenden Ausstattung, in museale Sammlungen gelangten (vgl. Grabfigur der Isabella von Bourbon, Amsterdam, Rijksmuseum, Inv.-Nr. BK-AM-33-J). Die rechts daneben gezeichnete Figur wird mit „Zwei Studien einer Frau aus dem Burgenland“ in Verbindung gebracht, die Dürer während der Reise mit der Feder zeichnete und die sich heute in Mailand befinden (vgl. Biblioteca Ambroisiana, Inv.-Nr. F 264 inf. n. 5).
Im sogenannten Tagebuch der niederländischen Reise, das zwar im Original verschollen, doch durch zwei frühneuzeitliche Abschriften überliefert ist, wird die Zeichnung "Zwei Frauen in ganzer Figur" nicht erwähnt, aber Dürers Besuch in St. Michael ist nachweisbar (z.B. Bamberg, Staatsbibliothek, Sign. JH.Msc.Art.1#1, S. 12, Z. 16-17).
S. 15, Nr. 285
S. 13, Nr. 769
S. 141, Nr. 1487
S. 1950, 1520/24
S. 14, 60