Den Betrachter*innen blickt in diesem undatierten und unsignierten Tüchlein-Gemälde in einem stark angeschnittenem Bildraum vor einem schwarzen Hintergrund ein nach links geneigter Knabenkopf mit kurzen blonden Locken ohne Schulterpartie entgegen. Es existiert ebenfalls in der Bibliothèque Nationale de France ein weiteres Tüchlein eines Knabenkopfes, welches das nach rechts geneigte Pendant zu diesem Tüchlein bildet. Bei beiden Knabenköpfen handelt sich wohl nicht um Studien, sondern um noch erhaltene Fragmente ein und desselben Gemäldes. Dies bestätigten die kunsttechnologischen Untersuchungen der Spannungslinien der Gewebe im Rahmen des Forschungsprojektes „Der frühe Dürer“ und zeigten gleichzeitig, dass beide Tüchlein-Fragmente unabhängig von Dürers, ebenfalls in Paris aufbewahrtem, Tüchlein-Gemälde eines „Frauenkopfes“ zu bewerten sind (vgl. Ausst.-Kat. Nürnberg 2012, S. 358).
Die Datierung des Tüchleins wurde in der Forschung vielfach diskutiert und variiert meist stark zwischen 1503 und 1508. Ein Teil der älteren Forschung ging von der Entstehung während Dürers niederländischer Reise 1520/ 1521 aus (vgl. u.a. Ephrussi 1882, S. 273). Christof Metzger plädierte jüngst aufgrund der Nähe des Pendant-Knabenkopfes zu einer Kopfstudie eines jungen Knaben in München (vgl. München, Staatliche Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 12 Z; W. -; St. II/12) für eine Datierung beider Knabenkopf-Tüchlein um 1508 „als Provisorium“ (vgl. Metzger/ Zaunbauer/ Schütz 2025, S. 294, Nr. 40a). Außerdem wurde das Gemälde assoziativ mit der motivisch verwandten Silberstiftzeichnung "Kopf eines Knaben" (vgl. British Museum, Inv.-Nr. SL,5218.41) in Verbindung gebracht (vgl. Ausst.-Kat. Barcelona/ Paris 2003, S. 50).
S. 294, Nr. 40b