Biografie

1888

Johannes Itten wird am 11. November 1888 in Süderen-Linden (Oberlangenegg-Linden) im Berner Oberland geboren, als ältestes der vier Kinder des Lehrers und Landwirts Johannes Itten (1857–1892) und seiner Frau Elisa Itten-Jost (1863–1940), einer Bauerntochter aus dem Emmental. Der 1890 geborene jüngere Bruder Rudolf (»Ruedi«) stirbt im Februar 1894 an Keuchhusten, ein 1891 geborener Bruder Gottfried verstirbt im Geburtsjahr. Die 1892 geborene Schwester Maria Elisa (»Marie«) heiratet 1915 Jakob Friedrich Burgener (1890–1969) und lebt bis 1973 in Thun. In amtlichen Dokumenten wird Johannes Itten mit dem Vornamen »Johann« geführt, den auch Berner Freunde bis zuletzt benutzen.

 

1892

Tod des Vaters. Der damals vierjährige Johannes Itten lebt ab 1892 für zwei Jahre bei seiner Großmutter Elise Jost im »Josthaus« in Fahrni oberhalb von Steffisburg im Verwaltungskreis Thun des Kantons Bern. Unterdessen heiratet seine Mutter den Bauern Gottfried Fankhauser.

 

1894‒1898

Johannes Itten kehrt 1894 nach der Wiederverheiratung der Mutter nach Süderen-Linden zurück, wird aber – wie seine Schwester aus erster Ehe – vom Stiefvater abgelehnt, so dass er jeweils die Sommerzeit auf der Marbachalp im Eriz mit harter Arbeit verbringen muss; nur den Winter über hält er sich in Süderen-Linden auf.

 

1898‒1904

1898 übernimmt der in Thun als Notar und Präsident des Bürgerrats tätige Bruder des verstorbenen Vaters, Jakob Itten (1859–1923), die Vormundschaft für Johannes Itten und seine Schwester Maria Elisa. Johannes Itten wohnt von 1894 bis 1904 in Thun auf dem Schlossberg bei seinem Onkel und dessen Frau Elisabeth Itten-Bichsel (1854–1926). Erstmals trifft der Junge auf bürgerliche Kultur und Musik und unternimmt erste Malversuche. Er besucht 1898 zunächst noch die Primarschule und ab 1899 bis 1. Februar 1904 das Progymnasium in Thun.

 

1904‒1905

Johannes Itten beabsichtigt, wie sein Vater seinen Lebensunterhalt als Lehrer zu verdienen, und beginnt eine zweijährige Internatszeit mit der Lehramtsausbildung am Kantonal-Bernischen Lehrerseminar Hofwil bei Bern. Hier erhält er Mal- und Zeichenunterricht bei Emil Prochaska (1874–1948) und Musikunterricht bei Hans Wilhelm Klee (1849–1940), dem Vater von Paul Klee. Der Direktor des Lehrerseminars und Vorsteher des Oberseminars ist ab 1905 Ernst Schneider, der bis zu seiner 1916 erzwungenen Demission neueste reformpädagogische Strömungen, die Freiwirtschaftslehre und Aspekte der Psychoanalyse Sigmund Freuds in die Ausbildung einbringt. Aus dieser Frühzeit von Johannes Ittens künstlerischer Zeichen- und Maltätigkeit sind keine Werke überliefert.

 

1906‒1907

Johannes Itten übersiedelt nach Bern und absolviert hier die zweijährige Oberstufe des Lehrerseminars. 1907 lernt er den Schweizer Maler Otto Morach (1887–1973) kennen. 

 

1908

Am 26. März 1908 erhält Johannes Itten sein Abgangszeugnis vom Seminar Hofwil und am 7. April das Primarlehrerpatent. Kurz darauf nimmt er seine berufliche Tätigkeit als Primarlehrer in Schwarzenburg im Kanton Bern auf. Er spielt Orgel in der Kirche von Wahlern. Für ein Vereinstheater malt er Bühnendekorationen.

 

1909

Im Juli muss sich Johannes Itten nach einer Sportverletzung beim Fußballspiel einer Meniskusoperation unterziehen, die schließlich auch zur Befreiung vom Militärdienst führt. Spontan entscheidet er sich, seine Anstellung als Lehrer aufzugeben, um nach Genf zu gehen. Am 3. September absolviert er die Aufnahmeprüfung an der Genfer École des Beaux-Arts, wo er im Wintersemester ein klassisches Kunststudium in der Zeichenklasse von Louis Dunki (1856–1915) aufnimmt und die Bildhauerklasse von James Vibert (1872–1942) besucht. Dass er dieses Kunststudium abbrechen wird, hat Itten schon am 25. Dezember brieflich fixiert.

 

1910‒1911

Im April 1910 kehrt Johannes Itten nach Bern zurück, wo er sich am 29. April an der Universität immatrikuliert, um bis zum Sommersemester 1912 ein naturwissenschaftlich-mathematisches Studium mit den Fächern Mathematik, Physik, Chemie, Mineralogie, Geologie, Deutsch, Zeichnen und Turnen zur Sekundarlehrerausbildung zu absolvieren. Im Dezember 1911 tritt Johannes Itten in der Weihnachtsausstellung des Kunstmuseum Bern mit seinem Ölgemälde Vorfrühling an der Rhone (1911-001-G) erstmals als Künstler öffentlich in Erscheinung.

 

1912

Am 9. März schließt Johannes Itten sein Studium an der Universität Bern mit dem Sekundarlehrer-Diplom ab. Es folgen sechs Monate intensiver Reiseaktivitäten: Mit Studienkollegen und Künstlerfreunden reist er nach Paris, um den Salon des Indépendants zu besuchen, im Juni/Juli fährt er nach München, um die Kandinsky-Ausstellung in der Galerie Goltz und die Alte Pinakothek zu besuchen. Eine anschließende dreiwöchige Reise auf Frachtschiffen den Rhein hinab führt ihn zur Impressionisten-Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle, zur spektakulären Sonderbund-Ausstellung in Köln, dann über weitere Stationen nach Düsseldorf, Rotterdam, Den Haag bis Amsterdam.

Erneut nimmt Johannes Itten im Oktober an der Genfer École des Beaux-Arts das Kunststudium auf, wo er nun in der Mal- und Zeichenklasse von Gustave de Beaumont (1851–1922) und bei Eugène Gilliard (1861–1921) studiert; darüber hinaus macht er sich mit der Kunstlehre Eugène Grassets (1841–1917) vertraut. Itten kommt in Bern über die Schwiegermutter Dr. Hermann Röthlisbergers (1883–1922), Zoologe und Methodiklehrer am Berner Oberseminar, zum ersten Mal in Berührung mit vegetarischen Ernährungsvorstellungen der Mazdaznan-Lehre

 

1913

Im Frühjahr kehrt Johannes Itten nach Bern zurück, um seinen Lebensunterhalt mit Lehrerstellvertretungen zu verdienen. Im Sommer verbringt er mit dem Maler Otto Morach, Arnold Brügger und Hermann Röthlisberger zwei Wochen auf der Alp Zaun. Am 6. Juli sieht er bei einer München-Reise in der Galerie Thannhäuser Gemälde Adolf Hölzels. Er beschließt, an dessen Wirkungsort nach Stuttgart zu wechseln, wo ihm im Oktober – nach einem denkwürdigen fünftägigen Fußmarsch angekommen – freilich die Aufnahmekommission der Kgl. Akademie der bildenden Künste die Aufnahme in die Meisterklasse Hölzels verwehrt. Über Privatstunden der Hölzel-Schülerin Ida Kerkovius (1879–1970) und Vorträge Hölzels eignet sich Itten dessen Kunstlehre zu Gemäldeanalysen, zur Kompositions-, Farb- und Kontrastlehre an. Der Austausch mit den künstlerischen Altersgenossen Willi Baumeister (1889–1955), Oskar Schlemmer (1888–1943) und Hermann Stenner (1891–1914) bringt weitere Impulse. Erstmals beginnt Johannes Itten mit eigenen kunsttheoretischen Tagebuchaufzeichnungen.

 

1914

Mit dem Kriegsausbruch kehrt Itten am 28. Juli zunächst in die Schweiz, nach Thun, zurück, erhält aber schon im November das Angebot Adolf Hölzels, ein Meisterschüleratelier in Stuttgart zu beziehen.

 

1915

Im Herbst 1915 übernimmt Johannes Itten das Atelier seines im Dezember 1914 gefallenen Künstlerkollegen Hermann Stenner. Die Freundschaft mit dem finnischen Sänger Helge Lindberg (1887–1928) und die Beziehung zu der Wiener Schauspielerin Hildegard Wendland (gest. 1916) spiegeln sich auch in Ittens Kunst. Itten setzt sich verstärkt mit dem Expressionismus und dem Kubismus auseinander, liest den Almanach Der Blaue Reiter und beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Musik und Malerei. Es entstehen erste vollständig geometrisch-abstrakte Gemälde (vgl. 1915-009-G ff.).

 

1916

Der Freitod Hildegard Wendlands am 1. April 1916 trifft Johannes Itten völlig überraschend. Er versucht das Erlebnis auch künstlerisch zu verarbeiten. Im Mai 1916 veranstaltet Herwarth Walden in seiner Galerie »Der Sturm« in Berlin die erste bedeutende Einzelausstellung Johannes Ittens, mit 24 Gemälden und 33 Zeichnungen. Itten lernt Nell Walden (1887–1975), Georg Muche (1895–1987) und im Juni bei einem zweitägigen Aufenthalt Paul Klee (1879–1940) kennen. Im September nimmt er an der Ausstellung Hölzel und sein Kreis im Kunstverein Freiburg im Breisgau teil und publiziert im zugehörigen Katalog seine erste kunsttheoretische Schrift mit dem Titel Fragmentarisches. 

Nach einer Sondierungsreise im Juni auf Einladung von Agathe Mark(-Kornfeld) (1894–1973), deren Eltern in Wien einen einflussreichen Salon unterhielten, zieht Itten am 28. September nach Wien um, wo er am 26. Oktober in einer Dachwohnung in der Peter-Jordan-Straße 86/87 im 19. Bezirk eine private Kunstschule ins Leben ruft. Zu seinen ersten Schülerinnen und Schülern gehören u. a. Agathe Mark(-Kornfeld), deren Bruder Richard Mark, Marie Cyrenius, Margit Téry, Anna Höllering und Emmy Anbelang. Neue Eindrücke aus den Avantgardezirkeln der Wiener Künstlerkreise und Begegnungen mit Oskar Kokoschka, Adolf Loos, Robert Musil, Arnold Schönberg, Rudolf Steiner, und Hans Tietze prägen einen neuen Lebensabschnitt. In einem reichen Briefwechsel ist Ittens Beziehung zu seiner Schülerin Anna Höllering (1895–1987) dokumentiert.

 

1917

In den Soireen von Alma Gropius(-Mahler) lernt Itten zahlreiche weitere Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaftszirkel, Künstler, Architekten, Musiker, Schriftsteller kennen, wie beispielsweise Alban Berg, Gustav Klimt oder Franz Werfel. Ittens Beschäftigung mit indischer und fernöstlicher Religionsphilosophie, Theosophie und Mystik sowie der esoterischen Mischreligion der Mazdaznan-Lehre nimmt zu. Am 7. Mai und 6. Juni hält er in Wien seinen Vortrag Über Kompositionslehre, zuerst auf Einladung der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs und sodann auf Einladung von Josef Strzygowski am Kunsthistorischen Institut der Universität Wien. Ab Sommer verlegt Itten seine inzwischen vergrößerte private Kunstschule in ein großes Dachatelier in der Nussdorfer Straße 26–28 und beginnt in den nächsten zwei Jahren auch mit plastischen Arbeiten in Gips zu experimentieren.

 

1918

Im März und April hält sich Johannes Itten bei Emmy Anbelang (»Maria«), der letzten Muse des am 6. Februar 1918 verstorbenen Gustav Klimt (1862–1918), auf dem Semmering bei Wien auf. Sich abzeichnende Hochzeitspläne beider finden ihr tragisches Ende mit der Erkrankung und dem Tod Emmy Anbelangs, die am 14. Dezember an der Spanischen Grippe verstirbt. Im Sommer verbringt Itten die letzten beiden Juniwochen bis zum 2. Juli im Hause von Alma Gropius auf dem Semmering und lernt dort Walter Gropius kennen. Am 7. Juli reist Johannes Itten nach Sigriswil am Thunersee, wo er bis Ende September verbleibt; erst Anfang Oktober kehrt er nach Wien zurück. Am 17. November eröffnet er in den Räumen seiner privaten Kunstschule eine Ausstellung mit Schülerarbeiten.

 

1919

Im Februar hält Itten einen weiteren Vortrag am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien. Ende Februar beruft Walter Gropius (1883–1969) ihn brieflich als einen der ersten Meister ans Bauhaus in Weimar. Im April erscheint mit Hans Tietzes (1880–1954) Aufsatz Die Zeichnungen von Johannes Itten in der Zeitschrift Die Bildenden Künste (Tietze 1919) eine erste Würdigung seiner Kunst. Vom 27. April bis 11. Mai stellt Itten eigene Werke in seinem Atelier in der Nussdorfer Straße aus. Anschließend beteiligt er sich an der Ausstellung der Künstlergruppe Freie Bewegung in Wien. In dieser Zeit erwächst eine für beide künstlerisch anregende Freundschaft mit dem Komponisten Josef Matthias Hauer (1883–1959): Itten widmet Hauer seine Komposition aus zwei Formthemen (1917-004-G) und beschäftigt sich mit der Zwölftontechnik Hauers und mit Farbe-Ton-Beziehungen. Umgekehrt widmet Hauer Itten sein Opus 18 und ist beim Durchbruch zur Zwölftonmethode im Sommer 1919 maßgeblich von Ittens abstrakten Bildkompositionen stimuliert. Vergeblich versucht Itten, Hauer ans Weimarer Bauhaus zu holen.

Itten reist Ende Mai über München, wo er Paul Klee besucht, nach Weimar, um dort am 1. Juni als Gast zusammen mit Walter Gropius, Lyonel Feininger (1871–1956) und Gerhard Marcks (1889–1981) – ergänzt um die ehemaligen Kunsthochschulprofessoren Max Thedy (1858–1924), Walther Klemm (1883–1957), Otto Fröhlich und Richard Engelmann (1868–1957) – an der 1. Meisterratssitzung teilzunehmen. Auf der Rückreise besucht Itten Paul Klee ein weiteres Mal. Als Gegengabe zu seinem Geschenk der Gipsplastik mit dem Titel Der Despot von 1918/19 erhält er von Paul Klee dessen Aquarell Auserwählter Knabe (1918, 115). Den Ruf ans Bauhaus nach Weimar nimmt Itten schriftlich in der ersten Junihälfte an. Es entsteht eine große Zahl an Gipsplastiken und -reliefs, die materiell – über den Wechsel von Wien nach Weimar – zwar alle verschollen sind, aber von Itten vorzüglich fotografisch dokumentiert wurden. Ende Juli, Anfang August publiziert er bei Richard Lanyi in Wien eine Mappe mit zehn Lithografien. Am 9. August reist er ins Berner Oberland, um seine Hochzeit vorzubereiten. Am 10. September 1919 heiratet Johannes Itten in der Kirche von Thun Hildegard Anbelang (»Daniela«), die Schwester Emmy Anbelangs.

Nach einer Zwischenetappe in Wien Ende September trifft Itten zusammen mit seiner Frau am 2. Oktober 1919 in Weimar ein, wo er zunächst vier Wochen im Hotel Elephant wohnt, um am 30. Oktober 1919 eine Wohnung in der Wilhelms-Allee 2 (heute Leibnizallee 2) zu beziehen. Itten richtet sein Atelier im sogenannten Tempelherrenhaus ein, einem von Goethe inspirierten neugotischen Turmgebäude im Ilm-Park. Nach der offiziellen Begrüßung in der Meisterratssitzung am 5. Oktober nimmt Itten am 3. November seine Lehrtätigkeit am Bauhaus auf. Aus Wien sind ihm nicht weniger als 15 Schülerinnen und Schüler ans Bauhaus nach Weimar gefolgt. Am 28. November 1919 gibt Itten seinen Einstand mit dem Vortrag Unser Spiel / unser Fest / unsere Arbeit.

 

1920

Johannes Itten entwickelt als Pflichtkurs für alle Studierenden den für die Bauhauspädagogik bestimmenden »Vorkurs« zu den Grundlagen der künstlerischen Gestaltung, der zugleich die Persönlichkeit und Kreativität eines jeden Schülers fördern soll. Darüber hinaus wirkt Itten als Formmeister in den Werkstätten für Glasmalerei, Bildhauerei (Stein), Tischlerei (1920–1922), Weberei (1920/21) sowie in der Metallwerkstatt (1920–1922). Zur Ergänzung des Lehrkörpers schlägt er u. a. Paul Klee, Gertrud Grunow, Georg Muche und Oskar Schlemmer vor. Als Ittens Hauptwerk entsteht der Turm des Feuers. Am 12. Juni wird der Sohn Matthias (Matthis) geboren.

 

1921

Mit dem Kinderbild (1921-001-G) setzt Itten 1921/22 dem neugeborenen Kind ein künstlerisches Denkmal, das zugleich symbolisch Elemente der Mazdaznan-Lehre (Meister des Gottesgedankens) verklärt. Johannes Itten publiziert seine paradigmatische Farbenkugel in 7 Lichtstufen und 12 Tönen und die Analysen alter Meister in dem von Bruno Adler herausgegebenen Almanach Utopia. Dokumente der Wirklichkeit, an dessen inhaltlicher Konzeption er weiterführend beteiligt war. Mit seinen beiden Lithografien für die erste Bauhausmappe, Das Haus des weißen Mannes und Gruss und Heil den Herzen nach einem Text von Otoman Zar-Adusht Hanish, legt Itten ein weiteres programmatisches öffentliches Bekenntnis zu Inhalten der Mazdaznan-Lehre ab. Der gemeinsam mit Georg Muche im Juni unternommene Besuch eines Mazdaznan-Kongresses – einer »Gahambar « – in Leipzig markiert einen qualitativen Wendepunkt in Ittens von da an umfassender Hinwendung zur Mazdaznan-Lehre und zu esoterisch-lebensreformerischen Interessen. Itten widmet sich am Bauhaus zunehmend der Verbreitung der Mazdaznan-Lehre und führt in der Schulkantine die Mazdaznan-Küche ein. Die internen Konflikte mit Walter Gropius und externe Angriffe durch den in Weimar De-Stijl-Positionen verfechtenden Theo van Doesburg nehmen zu. In der Meisterratssitzung vom 9. Dezember kulminiert der Streit und führt zu der offen ausgetragenen Gropius-Itten-Kontroverse.

 

1922

Gegenüber den ganzheitlich lebensreformerischen Bemühungen Ittens, die subjektive und emotionale Kreativität des einzelnen Menschen zu fördern, verfolgt Gropius eine an der Einheit von Kunst und Technik ausgerichtete Neuorientierung des Bauhauses, um durch rationale arbeitsökonomische Verwendung von Materialien und Techniken und gemäß den Grundsätzen einer industriellen Gestaltung neue Standards für die industrielle Fertigung zu schaffen. 

Im Januar legt Itten seine Tätigkeit als Formmeister in den Werkstätten nieder und zieht sich mehrfach, im Sommer über viele Wochen, in die Internationale Mazdaznan-Tempel-Gemeinschaft in Herrliberg bei Zürich zurück. Den Vorkurs leitet er vorerst weiter, im Wechsel mit Georg Muche. Itten nimmt in Weimar an der ersten Thüringer Kunstausstellung teil. 

Am 3. Januar wird Hildegard Itten förmlich von David Ammann in den »Masdasnan-Bund« (und damit als Mitglied dritten Grades) aufgenommen, wohingegen Johannes Itten selbst zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon als »Mitglied ersten Grades« figuriert. Am 21. September 1922 erleidet Hildegard Itten im Anschluss an den Besuch des »Drachenfestes« eine Frühgeburt. Ittens zweites Kind verstirbt in seiner Gegenwart drei Tage nach der Geburt. Am 4. Oktober reicht Itten bei Walter Gropius sein Kündigungsschreiben ein. Mit fünf ab dem 17. November im Wochenturnus gehaltenen, bekenntnishaften Vorträgen zu Themen der Mazdaznan-Lehre leitet er seinen Abschied vom Bauhaus ein.

 

1923

Im Februar und März stellt Itten im Kunstgewerbe-Museum Zürich aus. Herwarth Walden veranstaltet eine zweite Einzelausstellung mit Werken Ittens in seiner »Sturm-«Galerie in Berlin. Am 18. März 1923 hält Itten seinen letzten maßgeblich von weltanschaulichen Fragen geprägten Abschiedsvortrag am Bauhaus, unter dem Titel Analysen alter Meister. Ende März verlässt Itten Weimar. Der ungarische Konstruktivist László Moholy-Nagy übernimmt fortan den Vorkurs am Bauhaus. Itten lässt sich – mit offiziellem Meldedatum am 9. Februar – dauerhaft in der Internationalen Mazdaznan-Tempel-Gemeinschaft in Herrliberg am Zürichsee nieder. Als Begründer und »Botschafter« der europäischen Mazdaznan-Bewegung steht David Ammann (1855–1923) bis zu seinem unerwarteten Tod am 20. Februar der Herrliberger Gemeinschaft vor, danach als seine Nachfolgerin seine Witwe Frieda Ammann. Itten leitet am 27. Februar bei der Beerdigung Ammanns auf dem Friedhof in Herrliberg die Trauerzeremonie.

 

1924

In der Internationalen Mazdaznan-Tempel-Gemeinschaft in Herrliberg, die als Wirtschaftsgemeinschaft ab diesem Jahr unter dem Namen »Aryana-Gesellschaft« firmiert, widmet sich Johannes Itten umfassend der Mazdaznan-Lehre. Zusammen mit der ehemaligen Bauhausstudentin und späteren Werkmeisterin Gunta Stölzl (1897–1983) richtet Itten die Ontos-Werkstätten für Handweberei und Smyrnateppichknüpferei ein und gibt Kunstunterricht an einer angegliederten Kunstschule. Er gehört dem erweiterten Vorstand der Aryana-Gesellschaft an, hält Vorträge zur Mazdaznan-Lehre und baut einen Mazdaznan-Verlag auf. Johannes Itten zeichnet und malt wenig. Das Werkverzeichnis der Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen weist aus dem Jahr 1924 kein einziges Werk und aus dem Jahr 1925 lediglich zwei Zeichnungen auf.

 

1925

In Paris werden auf der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes zwei in Herrliberg entstandene Knüpfteppiche Ittens mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Er nimmt ebendort im Juni an einer »Gahambar« teil. Auf Einladung Willem Sandbergs bricht er danach zu einer Vortragsreise nach Amsterdam auf. Zu den Höhepunkten des Jahres gehören die Feierlichkeiten angesichts des Besuchs von Hanish in Herrliberg vom 15. bis zum 23. Juli. Hanishs salbungsvolle Worte »es leitet uns durchs Gebet unser Verbündeter, Freund, der Heilige Professor Itten« (Mazdaznan 1925, S. 46f., 201) unterstreichen, wie weitreichend Itten in die Mazdaznan-Gemeinde eingebunden war. Dass schon im April die Herrliberger Ontos-Werkstätten geschlossen wurden, deutet aber auch eine für ihn heraufziehende Krise im Herrliberger Kosmos an: Vor dem Hintergrund von Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Richtungen der Mazdaznan-Bewegung und Zwistigkeiten um das Erbe David Ammanns zieht Itten am 1. Oktober von Herrliberg nach Berlin.

 

1926

Im Januar unternimmt Itten eine Vortragsreise nach Wien, um u. a. im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie zwischen dem 12. und 23. Januar mehrere Vorträge über lebensreformerische Themen wie »Körperkultur und ägyptische Heilgymnastik«, »Atemlehre«, »Die Runen des menschlichen Körpers« oder »Schönheit und Güte des Menschen durch bewusste Ernährung« zu halten. Ende Januar kehrt er nach Berlin zurück, um das ganze Jahr nahezu rastlos an wechselnden Orten zu unterrichten: Vom 26. Januar bis 6. Februar hält er Zeichen- und Atemkurse in Herwarth Waldens Galerie »Der Sturm« in der Potsdamer Straße 134a. Im April und Mai unterrichtet er in Hannover, im Mai und Juni gibt er Blockveranstaltungen in der Brandenburgischen Straße 16 am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf. Diesen »Unterricht für Maler, Bildhauer, Architekten, Pädagogen, Photographen, Reklame-, Mode- u. Musterzeichner aller Art« setzt Itten ab Sommer unter dem formellen Namen »Moderne Kunstschule von Johannes Itten« fort. Die Fotografie wurde als eigener Bereich bis 1930 von Otto Umbehr (UMBO) und ab 1930 bis 1933 von Lucia Moholy-Nagy betreut. Gleichzeitig unterrichtet Itten zeitweise an der Berliner Jutta-Klamt-Schule. Am 1. September 1926 verlegt er seine »Moderne Kunstschule Berlin« an den Nollendorfplatz 1. Zusätzlich bietet er von Oktober bis Mitte November auch Kurse in Hamburg und in der zweiten Novemberhälfte Vorträge in Hannover in den Räumen der Kestner-Gesellschaft an.

Vom 22. Mai bis 31. August beteiligt sich Itten mit vier Gemälden an der Ausstellung der Abstrakten. Große Berliner Kunstausstellung. Ab dem 19. November (bis 10. Januar 1927) werden Werke Ittens in der International Exhibition of Modern Art, arranged by the Société Anonyme in New York ausgestellt. Itten arbeitet ab Herbst systematisch an seinen kunsttheoretischen Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern.

 

1927

Im Februar hält Itten weitere Vorträge über modernen Kunstunterricht an der Universität Hamburg und in Hannover, ferner Kurse in Wien. Vom 22. April bis 28. Mai bietet er unter dem Label »Moderne Kunstschule Berlin. Johannes Itten« in Hannover in den Räumen des Gewerbevereins am Georgsplatz Zeichenkurse an. Gleichzeitig hält Itten zahlreiche Vorträge in Hamburg, im Realgymnasium in der Königsstraße (6.–7. Mai), im Museum für Kunst und Gewerbe (20. Mai) sowie Einführungskurse in die moderne Kunstpädagogik an der Staatlichen Schule für freie und angewandte Kunst (27.–28. Mai).

Ab dem 5. September beginnt der Semesterbetrieb der Modernen Kunstschule Berlin. Johannes Itten. Donnerstag bis Samstag unterrichtet Itten zusätzlich abwechselnd in Hamburg und Hannover. Am 25. Oktober genehmigt das Preußische Provinzial-Schulkollegium den Betrieb der privaten Kunstschule von Johannes Itten in der Potsdamer Straße 75 in Berlin.

 

1928

Ittens umfassender Lehrbetrieb wird durch öffentlichkeitswirksame Ausstellungsaktivitäten ergänzt: Vom 12. Februar bis 5. März veranstaltet er in den Räumen seiner Kunstschule die Ausstellung Photo, Malerei, Architektur mit Fotografien u. a. von Lucia Moholy-Nagy, Walter Peterhans, Albert Renger-Patzsch, Otto Umbehr (UMBO), künstlerischen Arbeiten von Marc Chagall, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Pablo Picasso, Gino Severini, Plastiken von Ewald Mataré, Architekturentwürfen von Hannes Meyer und Hans Wittwer sowie einer Sonderausstellung zum Werk von Otto Meyer-Amden. Im Farbkurs entdeckt Itten die »subjektiven Farben«.

 

1929

Im August Beteiligung an der Jubiläumsausstellung zum zehnjährigen Bestehen der Novembergruppe in der Juryfreien Kunstschau in Berlin mit den programmatischen Gemälden Der Rote Turm (1918-001-G) und einer ersten Fassung von Der Mann am Meer (1930-001-G). Die im Anschluss an die Novemberrevolution am 3. Dezember 1918 in Berlin gegründete Künstlervereinigung wurde von den Nationalsozialisten als »Rote Novembergruppe« beschimpft und 1933 aufgelöst. Am 3. September Semesterbeginn in der Itten-Schule. 

Am 1. Dezember Umzug in den neu eingeweihten Bau von Wilhelm Peters in der Konstanzer Straße 14 in Berlin-Wilmersdorf. Die Itten-Schule eröffnet mit einer Ausstellung mit Arbeiten aus dem Unterricht, Zeichnungen und Bildern von Itten, Architekturentwürfen von Fred Forbat, Fotos von UMBO und Möbelentwürfen.

 

1930

Im März veröffentlicht der Deutsche Werkbund ein Sonderheft der Zeitschrift Die Form zur Itten-Schule.

Ende Oktober veröffentlicht Johannes Itten unter dem Titel Tagebuch. Beiträge zu einem Kontrapunkt der bildenden Kunst eine kunsttheoretische Schlüsselschrift mit 118 Seiten, die er im August nach und nach auf Matrizen niederschreibt und anschließend im Eigenverlag in der Berliner Schule bibliophil und großformatig handgedruckt vervielfältigt. Dieses »Tagebuch« erscheint in einer Auflage von 30 ledergebundenen und 300 in blaues Leinen gebundenen Exemplaren.

Itten beruft japanische Lehrer an seine Schule, die Kurse in ostasiatischer Tuschmalerei und Tuschpinseltechnik anbieten.

 

1931

Ab Januar schickt Itten eine Wanderausstellung mit eigenen Werken sowie Lehrer- und Schülerarbeiten der Itten-Schule auf Tournee, begleitet von Vorträgen zur modernen Kunsterziehung: Die Stationen sind Lübeck (4. Januar–1. Februar), Hamburg (ab 15. Februar), Danzig (10. April–6. Mai), Krefeld (ab 15. Mai). Über Probleme der Kunsterziehung spricht Itten auch am 20. Mai im Gewerbemuseum in Basel und am 19. September in der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale.

 

1932

Am 1. Januar wird Itten auf Initiative des Krefelder Seidenfabrikanten Hermann Lange probeweise für den Zeitraum von zwei Jahren zusätzlich die Leitung der am 1. Januar neu gegründeten Preußischen Fachschule für textile Flächenkunst in Krefeld übertragen. Itten unterrichtet wochenweise zwischen Berlin und Krefeld wechselnd Textildesigner und -verkäufer für die Textil-, insbesondere die Seidenindustrie.

Vom 20. Februar bis 28. März findet eine Ausstellung von Schülerarbeiten im Gebäude der Itten-Schule statt. Eine Wanderausstellung der Itten-Schule endet mit Stationen in Königsberg (21. Februar–20. März) und schließlich Berlin (25. April–21. Mai).

Ende 1932 bis Anfang 1933 kann Itten den prominenten japanischen Maler Takehisa Yumeji für Kurse in Tuschmalerei an der Berliner Schule gewinnen.

 

1933

Vom 20. Februar bis 28. März findet eine Ausstellung von Schülerarbeiten im Gebäude der Itten-Schule statt. Im März hält Itten mehrere Mazdaznan-Vorträge im Meistersaal in der Köthener Straße 38 in Berlin, über die Themen »Der Platonische Staat und Platonische Erziehung«, »Der neue Staat und die neue Erziehung« und »Atem und Harmonielehre mit Übungen«. In Tokio findet in der Jiyu-Gakuen-Schule eine Ausstellung über die Itten-Schule Berlin statt.

Vom 3. April 1933 bis zum 9. März 1935 ist Anneliese Schlösser, die 1939 die zweite Ehefrau Ittens wird, Schülerin an der Fachschule für textile Flächenkunst in Krefeld.

 

1934

Im Februar Ausstellung von Textilarbeiten im Websaal an der Malmedystraße (heute Lewerentzstraße) in Krefeld; teilweise werden die Arbeiten auch im Rahmen der Werkbundausstellung im Kaiser-Wilhelm-Museum gezeigt.

Am 1. April wird die Itten-Schule in Berlin unter nationalsozialistischem Vorzeichen geschlossen.

Auch in Krefeld wächst der nationalsozialistische Druck: Bei der Verlängerung des Privatrechtsvertrags mit Johannes Itten im September wird ihm wie üblich der Diensteid auf Adolf Hitler abgenötigt, eine Festanstellung oder Verbeamtung bleibt ihm verwehrt. Im Dezember geht die Höhere Fachschule für Textilindustrie in die Trägerschaft der Stadt Krefeld über.

 

1935

Johannes Itten wohnt ab Anfang 1935 in der Steinstraße 159 in Krefeld. Nach Jahren der künstlerischen Reduktion entsteht in den Jahren 1935 und 1936 eine sprunghaft anwachsende Zahl künstlerischer Arbeiten, vor allem Aquarelle und Zeichnungen.

Anneliese Schlösser ist vom Sommersemester 1935 bis Wintersemester 1937 als Lehrerin in der Musterweberei der Flächenkunstschule in Krefeld tätig, an der inzwischen rund 90 Schülerinnen und Schüler eingeschrieben sind.

 

1936

Wachsende Schwierigkeiten und Widerstände in Krefeld. Itten entwirft den Plan einer »Deutschen Akademie für die gesamte Textil- und Modeindustrie«, den er analog auch für Amerika und für die Schweiz entwickelt. Umfangreiche Ausstellungsaktivitäten der Flächenkunstschule u.a. in Düsseldorf, Köln, Krefeld, München.

 

1937

Textilien aus der Flächenkunstschule werden vom 24. März bis zum 12. April in der Berliner Reichs-Textilausstellung gezeigt, die u. a. von Hermann Göring besucht wird. Zu diesem Zeitpunkt laufen intensive Bemühungen, die Flächenkunstschule zu zerschlagen. Itten schickt seine Pläne für eine Textilakademie an Göring, in der Hoffnung, seine Textilschule von Krefeld nach Berlin verlegen zu können. Dieselben Pläne schickt er hilfesuchend am 14. November an Walter Gropius, verbunden mit der Absicht, diese in den USA zu realisieren.

Am 19. Juli 1937 wird die Feme-Ausstellung »Entartete Kunst« in München eröffnet, auf der Itten mit zwei Werken vertreten ist. In der Folge werden unter nationalsozialistischen Vorzeichen zahlreiche Werke Ittens aus öffentlichen Sammlungen in Deutschland entfernt: Das Berliner Beschlagnahmeinventar »Entartete Kunst« verzeichnet insgesamt 14 Werke Ittens. Am 26. November wird Itten vom Oberbürgermeister der Stadt Krefeld von der Leitung der Flächenkunstschule entbunden.

 

1938

Ittens empörte Reaktion, mit der er am 26. Februar 1938 der Reichskammer der Bildenden Künste mit Konsequenzen durch die Schweizer Gesandtschaft droht, dokumentiert, dass er erst nach und nach die unter nationalsozialistischen Vorzeichen rapide bedrohlich werdende Veränderung seiner Stellung realisiert. Unter nationalsozialistischem Druck wird die Schließung der Flächenkunstschule zum 31. März 1938 verfügt.

Am selben Tag noch emigriert Johannes Itten nach Holland, Amsterdam, wo er sich bis Ende November aufhält; er will erst in die USA auswandern, dann eröffnet sich eine Perspektive in der Schweiz. Am 18. März wird die Ehe mit Hildegard Itten-Anbelang geschieden.

Am 29. April vermittelt der Museumskurator Willem Sandberg Itten den Auftrag, für das Treppenhaus des Stedelijk Museums in Amsterdam ein großflächiges Velum zu entwerfen. Itten bereitet das Werk mit einer Vielzahl an Entwürfen in figurativen Chiffren vor (vgl. 1938-012-W – 1938-090-Z). Es wird am 29. Juli anlässlich der Ausstellung Hundert Jahre Französische Kunst der Öffentlichkeit vorgestellt. Itten hält im Stedelijk Museum Vorträge und Kurse.

Itten bewirbt sich auf die Stelle des Direktors des Kunstgewerbemuseums und der Kunstgewerbeschule in Zürich und übernimmt am 1. Dezember 1938 die Leitung beider Einrichtungen, die er bis zu seiner Pensionierung innehat.

 

1939

Das erste Jahr nach der Rückkehr nach Zürich steht für Johannes Itten unter dem Vorzeichen seiner neuen beruflichen Doppelfunktion als Direktor des Kunstgewerbemuseums und der Kunstgewerbeschule in Zürich, die er ab dem 1. Dezember 1938 bis zu seiner Pensionierung 1954 leitet. Im Februar besucht er erstmals den Sammler Eduard von der Heydt in Ascona, dessen Sammlung außereuropäischer Kunst zehn Jahre später den Grundstock für das von Itten ab 1949 neu aufgebaute Museum Rietberg in Zürich bildet.

Am 22. April heiratet Johannes Itten Anneliese Schlösser. Thematisch passend kuratiert er vom 21. Januar bis 12. März im Kunstgewerbemuseum Zürich die Ausstellung Die Aussteuer einer Braut.

In einer von 15. April bis 21. Mai unter dem Titel Aus meinem Unterricht eingerichteten Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Zürich vermittelt Itten einen Überblick über die Prinzipien seiner Lehrtätigkeit, die er programmatisch mit 60 Großfotografien zu Werken aus Indien und China kombiniert. Für die Landesausstellung in Zürich stellt Itten im Auftrag der Schweizer Textilindustrie die Stoffauswahl zusammen. Hinzukommen Ausstellungen von Schülerarbeiten und vom Schweizerischen Werkbund. Gleichzeitig werden im nationalsozialistischen Deutschland Ittens Werke auf weiteren Stationen der Feme-Ausstellung Entartete Kunst in Frankfurt am Main, Chemnitz, Stettin, Weimar und Wien gezeigt. Übergangsweise wohnt Itten in der Sihlstrasse 31 in Zürich, ab 24. März dann zusammen mit seiner Frau bis 1946 in der Carmenstrasse 21 in Zürich, unweit der Kreuzkirche.

 

1940

Itten beteiligt sich im Februar und März mit vier Werken, darunter seinem programmatischen Gemälde Tellenwacht (1940-010-G), am »Salon Indépendant« im Kongresshaus in Zürich. Anlässlich der Präsentation dieses Gemäldes notiert er am 19. Februar in einer handschriftlichen Notiz patriotisch: »Die Gestalt des W. Tell bedeutet mir freies, unabhängiges Denken, individuelle Tat und Selbstbehauptung nach jeder Richtung – ein Sinnbild wahren Schweizertums.« Am selben Tag hält Itten im Kunstverein Schaffhausen einen Vortrag über »Volkskunst als Grundlage jeder Kultur«. Das Lehrprogramm an der Kunstgewerbeschule richtet Itten am Vorbild des von ihm am Bauhaus entwickelten Vorkurses neu aus. In dichter Folge kuratiert er im Kunstgewerbemuseum weitere kulturhistorische Ausstellungen, so Warenpackungen in internationaler Auslese (14. April bis 9. Juni) oder Die Kunst des Buchdrucks 1440–1940 anlässlich des 500-jährigen Gutenberg Jubiläums (31. August bis 29. September). Ab 11. Juli 1940 verpflichtet sich Itten zusätzlich, die seit 1835 bestehende Garnfärberei Heberlein in Wattwil künstlerisch zu beraten, die seit 1936 mit der Produktion der Viskose-Kunstseide Helanca hervortritt. In Wattwil hält Itten auch Kurse zur Farb-, Form- und Mustergestaltung ab. Seine Mutter Elise Fankhauser-Jost stirbt am 25. August.

 

1941

Unter dem patriotischen Vorzeichen der schweizerischen »Geistigen Landesverteidigung« verfasst Itten ein Laienspiel mit dem Titel »Unser tägliches Brot – Unser Recht – Unsere Pflicht«, das er am 6. Februar 1941 mit Sprechchören seiner Kunstgewerbeschüler im Kongresshaus in Zürich im Rahmen eines »Heimatabends« aufführt. Den Höhepunkt seiner kuratorischen Aktivität im Kunstgewerbemuseum bildet die Ausstellung Asiatische Kunst aus Schweizer Sammlungen (17. Mai bis 28. August), zu der er einen Begleitband publiziert. Itten tritt erneut dem Schweizerischen Werkbund als Mitglied bei und leitet von 1943 bis 1952 dessen Zürcher Ortsgruppe. Am 3. Juni wird seine Tochter Marion geboren.

 

1942

Im Kunstgewerbemuseum kuratiert Itten mehrere große Ausstellungen, darunter seine Präsentation Chinesische Malerei der Gegenwart (10. bis 31. Mai), zu der er eine Einführung in die »Ostasiatische Tuschmalerei « verfasst. Weitere Ausstellungen zeigen Die Schweiz als Reiseland (25. Juni bis 6. September) und das Thema Volk und Theater (10. Oktober bis 22. November). Hinter diesen kuratorischen Aktivitäten am Kunstgewerbemuseum und seiner Lehrtätigkeit an der Kunstgewerbeschule tritt Ittens eigenes künstlerisches Schaffen in diesem Jahr zurück.

 

1943

Zusammen mit Max Bill, Richard Paul Lohse und anderen realisiert Itten die Wanderausstellung des schweizerischen Werkbundes Unsere Wohnung, die vom 20. Februar bis 4. April im Kunstgewerbemuseum stattfindet. Vom 18. April bis 23. Mai präsentiert er Schweizer Grafik, gefolgt von Kunstgewerbe aus Deutschland unter dem Titel Deutsche Wertarbeit (31. Oktober bis 12. Dezember). In diesem Jahr werden Ittens Kontakte zur Schweizer Textilindustrie in Zürich intensiver, zwei Jahre später übernimmt er ab 1945 zusätzlich die Leitung der Textilfachschule der Seidenindustriegesellschaft. Während der Ferienwochen im Steintal bei Wattwil widmet sich Itten ab dem 10. Juli verstärkt seiner künstlerischen, vor allem zeichnerischen Arbeit und setzt sich insbesondere mit Landschaftsdarstellungen auseinander.

 

1944

In der großangelegten Ausstellung Die Farbe in Natur, Kunst, Wissenschaft und Technik präsentiert Itten im Kunstgewerbemuseum vom 23. Januar bis 11. April zum ersten Mal in systematischer und umfassender Form öffentlich in der Schweiz seine Farbenlehre: Alle Aspekte seiner späteren kunsttheoretischen Schlüsselschrift Kunst der Farbe sind hier schon präsent. Weitere Ausstellungen sind den Themen Chinesische Steinabklatsche (16. Juli bis 27. August), Die Lithographie in der Schweiz und anderen druckgrafischen Techniken (10. September bis 15. Oktober), Neues Schweizer Kunstgewerbe (4. November bis 17. Dezember) sowie im Sommer den Schülerarbeiten der Kunstgewerblichen Abteilung (30. Mai bis 25. Juni) gewidmet. Im Juli arbeitet Itten am Aufbau einer neuen Zürcher Kunstakademie, die in Verbindung mit der Kunstgewerbeschule entstehen soll. Am 7. Februar wird sein Sohn Klaus geboren.

 

1945

Auch in diesem Jahr richtet Itten im Kunstgewerbemuseum mehrere kunst- und kulturhistorische Ausstellungen aus: Vom 21. Januar bis 25. Februar zeigt er die mediengeschichtliche Ausstellung Der Film gestern und heute – Probleme des Schweizer Films, in der Itten das Bewegtbild in den Kreis der klassischen Bildkünste einreiht. Es folgen eine architekturhistorische Übersichtsausstellung über Bau- und Kunstdenkmäler der Schweiz (22. April bis 27. Mai) und eine hochkarätig bestückte Schau Afrikanische Kunst aus Schweizer Sammlungen (23. Juni bis 2. September), die er zusammen mit der Schweizer Ethnologin Elsy Leuzinger (1910–2010) betreut. Vom 8. September bis 7. Oktober widmet sich Itten dem Thema USA baut und schließlich vom 11. November bis 24. Februar 1946 der regionalen Kunstgeschichte, Alte Glasmalerei der Schweiz. Gleichzeitig begleitet er die Verhandlungen des Stadtpräsidenten von Zürich mit Eduard von der Heydt über die Schenkung dessen Sammlung an die Stadt Zürich. Zwischen Weihnachten und Neujahr entwirft Itten erste Pläne für den Aufbau der Sammlung von der Heydt in der dafür vorgesehenen Villa Wesendonck. Am 7. September übernimmt Itten (zusätzlich zur Leitung von Kunstgewerbemuseum und -schule) offiziell die Direktion der erweiterten Textilfachschule Zürich.

 

1946

Itten kuratiert im Kunstgewerbemuseum Ausstellungen zu Britischer Gebrauchsgrafik (13. Juli bis 25. August) sowie eine Präsentation der Neuerwerbungen der letzten zehn Jahre (16. Juni bis 18. August). Eine große Ausstellung mittelalterlicher Meisterwerke aus Österreich wird vom 27. Oktober bis 2. März 1947, begleitet von einer Präsentation zum Thema Modernes österreichisches Kunsthandwerk, gezeigt. Kontinuierlich entwickelt Itten in dieser Zeit seine Pläne zur Gründung und Konzeption eines Museums für außereuropäische Kunst in Zürich weiter, ausgehend von der Sammlung von der Heydt, nachdem der Sammler am 16. Januar den Leih- und Erbvertrag mit der Stadt Zürich unterzeichnet hat. Am 16. Mai wird Ittens Sohn Thomas geboren. Die fünfköpfige Familie zieht im September in die Ackersteinstrasse 202 in Zürich-Höngg.

 

1947

Itten zeigt vom 11. Mai bis 15. Juni Moderne Aubusson-Teppiche und in einer Sonderausstellung Tapisserien und Gemälde des französischen Bildwirkers Jean Lurçat (1892–1966). Vom 1. November 1947 bis 8. Februar 1948 ist seine kulturhistorisch weit ausgreifende kunstgewerbliche Ausstellung Schweizerische Keramik von der Urzeit bis heute zu sehen.

 

1948

Zusammen mit Sigfried Giedion präsentiert er im Juni im Kunstgewerbemuseum das finnische Architektenehepaar Alvar und Aino Aalto, ab 12. September bis 10. Oktober modernen Siedlungsbau in der Schweiz 1938–1947 und vom 20. November bis 23. Januar 1949 Chinesische Grabkeramik und Bronzen aus der Sammlung J.F.H. Menten. Vom 28. Juni bis 3. Juli nimmt Itten an der ersten Tagung des ICOM (International Council of Museums) in Paris teil. Die Kleemann Galleries in New York zeigen vom 7. bis 26. November von Itten 28 Aquarelle und Zeichnungen. Anlässlich seines 60. Geburtstags am 11. November überrascht ihn Hans Finsler, Leiter der Fachklasse für Fotografie an der Kunstgewerbeschule, mit einer Fotomontage, die den vielbeschäftigten Itten in Verbindung mit der indischen Bronzeplastik des tanzenden Shiva Nataraja aus dem 12. Jahrhundert, einer späteren Bildikone des Museums Rietberg, als vielarmigen, sprechenden Shiva zeigt.

 

1949

Am 3. Juni wird in einer – mit dem Bild der Shiva-Nataraja-Plastik beworbenen – Volksabstimmung entschieden, die Villa Wesendonck in das Museum Rietberg für außereuropäische Kunst umzuwandeln. Nach erfolgter Zustimmung überträgt der Zürcher Stadtpräsident Itten Aufbau und Leitung des Museums. Im Kunstgewerbemuseum entfaltet Itten ein breites Spektrum kultur- und kunsthistorischer Ausstellungen, vom 9. Juni bis 21. August die Überblicksausstellung Schwedisches Schaffen heute. Vom Stadtplan zum Essbesteck, der im April eine Reise nach Schweden vorausgeht. Vom 30. Juli bis 11. September sind Zeichnungen und Gemälde von Wilhelm Busch zu sehen, vom 2. bis 30. Oktober Volkskunst aus Jugoslawien, die Itten mit einer Jugoslawienreise im Juli vorbereitet, und vom 19. November bis 18. Dezember die Ausstellung Geld, Münze, Medaille. Im Oktober startet in München die Wanderausstellung von Schülerarbeiten der Zürcher Kunstgewerbeschule, die 1950 auf weiteren Stationen in Wuppertal, Schwäbisch-Gmünd, Braunschweig und Stuttgart zu sehen ist.

 

1950

Auch dieses Jahr ist von zahlreichen großangelegten Ausstellungsaktivitäten im Kunstgewerbemuseum geprägt: Unter dem Titel Chapeaux d’hier et d’aujourd’hui widmet sich Itten vom 18. Februar bis 12. März der Pariser Hutmode im Vergleich zu Schweizer Damen- und Herrenhüten, vom 22. April bis 14. Mai dem Thema Italienische Druckkunst im Zeitalter Bodonis, 1770 bis 1820, gefolgt von der Design-Wanderausstellung des Schweizerischen Werkbundes Die gute Form (3. Juni bis 20. August). Hundert Jahre Eisenbeton sind vom 30. September bis 22. Oktober und schließlich Der Textildruck. Musterung und Technik von den Primitiven bis zum modernen industriellen Druck vom 9. Dezember bis 14. Januar 1951 Themen von Ausstellungen. Auch wenn Itten nicht jedes dieser Ausstellungsprojekte mit gleicher Intensität persönlich betreut, müssen doch für jede einzelne Ausstellung Aufbau, Bewerbung, Wegleitungen und zum Teil ergänzende Publikationen und vieles mehr organisiert werden. Parallel hierzu begleitet Itten die Renovierung und den Umbau der Villa Wesendonck im Zuge des Aufbaus des Museums Rietberg. In Zusammenarbeit mit dem Lehrerkonvent der Stadt Zürich versucht er den Zeichenunterricht an den Volksschulen zu reformieren. Vom 15. bis 17. Juli nimmt Itten am ersten »Darmstädter Gespräch« über »Das Menschenbild unserer Zeit« teil, unter anderem mit Theodor W. Adorno, Willi Baumeister, Richard Benz, Hans Gerhard Evers, Gotthard Jedlicka, Boris Kleint, Alexander Mitscherlich, Franz Roh, Hans Sedlmayr und Conrad Westpfahl. Itten hält dort am 15. Juli den Eröffnungsvortrag »Über die Möglichkeiten der modernen Malerei«. 

 

1951

Bis zum 2. Juli ist Itten mit dem umfangreichen Transfer der Exponate und Objekte außereuropäischer Kunst, unter anderem aus den Räumen des Kunstgewerbemuseums, in das neue Museum Rietberg beschäftigt. Abenteuerlicher biografischer Höhepunkt dieses Jahres ist Ittens zwischen dem 31. Oktober und 9. November absolvierte Fahrt nach Ost-Berlin, um im Tausch gegen ein – von ihm entdecktes – ›Teegeschirr‹ Lenins (ein Teeglas, ein Teesieb und zwei Buttermesser aus der Zeit seines Zürcher Aufenthalts) die in der Nationalgalerie Ost-Berlin befindlichen chinesischen Großplastiken aus der Sammlung Eduard von der Heydt ins Museum Rietberg nach Zürich zu überführen. Dieses ›Teegeschirr‹ befindet sich heute im Leninmuseum in Moskau. Die Rückführung der Großplastiken erregt die Aufmerksamkeit der nationalen und internationalen Presse, darunter auch im LIFE Magazine vom 17. Dezember 1951. Im Kunstgewerbemuseum kuratiert Itten wiederum eine große Zahl kultur-, kunst- und designgeschichtlicher Ausstellungen, unter anderem zur Mexikanischen Druckgrafik, zur Kunst des Buchumschlags (beide vom 3. Februar bis 4. März), zu Finnischem Kunstgewerbe (11. März bis 15. April), zu Sechshundert Jahre Zürcher Seide (26. Mai bis 19. August), zu den Mosaiken aus Ravenna (22. September bis 4. November) und schließlich vom 25. November bis zum 27. Januar 1952 eine Ausstellung mit dem Titel Das Spielzeug mit Exponaten aus der historischen Puppensammlung Madame de Galéa in Paris.

 

1952

Am 24. Mai erfolgt die offizielle Eröffnung des Museums Rietberg, dessen Bestände zu einem Großteil aus der Sammlung von Eduard von der Heydt stammen und das Itten bis 31. März 1956 leitet. Die Schweizer Filmwochenschau, die internationale Presse und Fachzeitschriften wie »Werk« begleiten das Ereignis. Im Kunstgewerbemuseum kuratiert Itten vom 28. Juni bis 28. September eine großangelegte Jugendstil-Ausstellung unter dem Titel Um 1900 – Art Nouveau und Jugendstil. Kunst und Kunstgewerbe aus Europa und Amerika zur Zeit der Stilwende, zu deren Eröffnung Henry van de Velde zugegen ist. Vom 11. Oktober bis 7. Dezember folgt eine Schau Angewandte Kunst aus Dänemark. Am 18. Oktober stirbt Ittens erste Frau, Hildegard Itten-Anbelang, mit der er von 1919 bis 1938 verheiratet war.

 

1953

Im letzten Jahr seiner Tätigkeit am Kunstgewerbemuseum präsentiert Itten Ausstellungen zur Kartographie in der Schweiz (17. Januar bis 22. Februar), zur modernen Plakatkunst aus 25 Ländern (18. April bis 17. Mai), zum Formschaffen in England (20. Juni bis 16. August) und schließlich vom 30. August bis zum 11. Oktober eine Ausstellung zum Thema Das neue Schulhaus, die Ittens kunstpädagogischen Einsatz für einen musisch ausgerichteten Schulunterricht untermauert. Am 31. Dezember geht Itten als Direktor der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums Zürich in den Ruhestand, führt aber überbrückungsweise die Geschäfte bis zum 31. März 1954 fort. Am 21. Juni hält Itten einen Vortrag über »Die Farbe« auf dem Norddeutschen Kongress für Kunsterzieher in Hannover.

 

1954

Im Januar und Februar präsentiert Itten anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Kunstgewerbeschule und gleichzeitig zum Abschluss seiner Tätigkeit eine rückblickende Ausstellung über den Kunstunterricht an der Kunstgewerbeschule Zürich und skizziert die pädagogisch-methodischen Grundsätze seines Unterrichts. Zugleich beginnt er mit Vorarbeiten für seine Publikation zur Farbenlehre. Vom 14. bis 19. Juni hält er Farbkurse für das Hessische Lehrerfortbildungswerk in der Reinhardswaldschule bei Kassel, die er jährlich wiederkehrend bis 1959 abhält. Weitere kunstpädagogische Vorträge hält er anlässlich der »Musischen Woche« vom 18. bis 23. Oktober am Institut für Lehrerfortbildung in Hamburg.

 

1955

Im März erstellt Itten ein Manuskript zu »Farbe in der Mode«, das 1958 im Band Mode in der menschlichen Gesellschaft veröffentlicht wird. In enger Taktung hält Itten nun kunstpädagogische Vorträge und Farbkurse, so vom 17. bis 19. Januar an der Werkkunstschule Hannover, am 20. und 21. Januar an der Werkkunstschule in Braunschweig. Farbkurse hält er unter anderem vom 25. bis 30. April an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und vom 14. bis 18. September in der Neuen Sammlung in München. Am legendären Treffen der ehemaligen Bauhaus-Meister und -Meisterinnen, -Schülerinnen und -Schüler ist er am 2. Oktober anlässlich der Eröffnungsfeier des neuen Gebäudes der Hochschule für Gestaltung Ulm beteiligt. Mit der Abfassung einer Einführung in die Sammlung des Museums Rietberg rundet Itten seine Aufbautätigkeit in diesem Museum ab. Der Erwerb eines Atelierhauses in Unterengstringen bei Zürich eröffnet ihm die Möglichkeit zu einer intensivierten malerischen Tätigkeit.

 

1956

Am 31. März tritt Itten als Leiter des Museums Rietberg zurück, seine Nachfolgerin wird Elsy Leuzinger. Weitere Form- und Farbkurse hält er vom 16. bis 21. Januar in Kassel und vom 6. bis 21. April an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Hamburg.

 

1957

Vom 5. April bis 6. Mai findet eine – von Ittens langjährigem Freund Willem Sandberg kuratierte – Retrospektive mit 201 Werken im Stedelijk Museum in Amsterdam statt. Zudem ist Itten mit vier Werken an der Gruppenausstellung der 4. Biennale in Saõ Paulo beteiligt. Vorträge führen ihn am 25. und 26. Februar an die Hochschule der Bildenden Künste in Berlin und vom 19. bis 23. August nach Den Haag, wo er als Hauptredner der Internationalen Gesellschaft für künstlerische Erziehung über die »Grundlagen der Kunsterziehung heute« spricht. Vom 26. Mai bis 8. Juni hält Itten zudem einen Farbkurs für Architekten an der Technischen Hochschule Aachen.

 

1958

Zusammen mit Max Ackermann, Boris Kleint und Friedel Vordemberge-Gildewart stellt Itten vom 17. Mai bis 16. Juni in der Kunsthalle Baden-Baden aus, wo er den Eröffnungsvortrag über »Abstrakte Malerei « hält. Vom 7. bis 12. August beteiligt er sich mit Vorträgen über »Allgemeine Erziehung und Kunsterziehung«, »Farbgesetze und Subjektive Gestaltung« und »Schöpferischen Automatismus« sowie zur »Typenlehre« am Kongress der Internationalen Vereinigung für Kunsterziehung (FEA) in Basel. Ende September erfolgt der Vertragsabschluss mit dem Verleger Peter Maier, Ravensburg, über die geplante Publikation der Kunst der Farbe.

 

1959

Beteiligung an mehreren Gruppenausstellungen, darunter in der Galerie Suzanne Bollag in Zürich (Februar bis März) und im Kunsthaus Zürich (September bis Oktober), sowie eine Einzelausstellung in der Galerie 58 in Rapperswil (9. August bis 3. September und 6. September bis 1. Oktober). Vom 24. bis 30. August gibt Itten an der Münchner Kunstakademie einen Kurs zur Farben- und Formenlehre. Am 9. September eröffnet er die Retrospektive von Ida Kerkovius im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart.

 

1960

Im Frühjahr tritt Itten als Leiter der Textilfachschule Zürich zurück, widmet sich verstärkt seiner künstlerischen Tätigkeit und arbeitet intensiv am Manuskript zur Kunst der Farbe. Itten hält am 26. April und vom 5. bis 11. November Farbkurse an der Akademie in Nürnberg sowie im November einen Vortrag im Hochstift Frankfurt über »Subjektives Empfinden und objektives Erkennen als Wege zur Kunst«. Es findet eine Einzelausstellung in der Galerie ABC in Winterthur im März statt. Ebenso ist er an verschiedenen Gruppenausstellungen im Kunstmuseum Luzern (Januar bis Februar), im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart (April bis Mai) oder bei der Ausstellung Konkrete Kunst im Zürcher Helmhaus vom 8. Juni bis 14. August beteiligt.

 

1961

Am 21. April erscheint Kunst der Farbe im Otto Maier Verlag Ravensburg. Noch im selben Jahr folgt eine englische Ausgabe und anschließend die Übersetzung ins Italienische sowie in zahlreiche weitere Sprachen (die italienische Ausgabe wird im Dezember 1964 veröffentlicht). Itten beteiligt sich an der Bauhaus-Ausstellung im Bauhaus-Archiv in Darmstadt (24. Juni bis 6. August) und an der großen Ausstellung Hölzel und sein Kreis im Kunstverein Stuttgart (8. September bis 5. November), die er als Festredner eröffnet. Weitere Vorträge sind Themen gewidmet wie »Die Farbe in der Wohnung« in Basel am 12. Februar, »Allgemeine Erziehung und Kunsterziehung« oder »Das Schöpferische in der musischen Erziehung« in Augsburg am 22. und 23. August.

 

1962

In der Kunstsammlung der Stadt Thun findet vom 23. Juni bis 5. August die erste große Schweizer Einzelausstellung zu Ittens Werk mit 110 Gemälden statt. In der Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rom wird Ittens didaktische Farbenlehre gezeigt (Februar bis Dezember). Kleinere Ausstellungen finden in der Galerie Rathausgasse in Lenzburg (August bis September) und im Kontext von Gruppenausstellungen statt, wie Painters of the Bauhaus in der Marlborough Gallery in London (März bis April) mit Frühwerken aus der Bauhauszeit oder in einer Ausstellung von Zeichnungen in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich (November bis Dezember). Am 15. Oktober erscheint die zweite Auflage der Kunst der Farbe. Gleichzeitig bereitet Itten seine kunsttheoretische Schrift Mein Vorkurs am Bauhaus, Gestaltungs- und Formenlehre vor, die ebenfalls im Otto Maier Verlag Ravensburg publiziert werden soll.

 

1963

Das ganze Jahr steht unter den Vorzeichen der Vorbereitung der für das folgende Jahr geplanten Retrospektive im Kunsthaus Zürich sowie der Publikation der Schrift Mein Vorkurs am Bauhaus, Gestaltungsund Formenlehre, die zu Ittens 75. Geburtstag am 11. November im Otto Maier Verlag erscheint und ebenfalls sogleich eine internationale Rezeption mit Übersetzungen ins Englische (1964), Französische (1970) und Japanische (1970) erfährt. Hinzu kommen nur wenige andere Aktivitäten, wie die Beteiligung an einer Gruppenausstellung im Kunsthaus Zürich (September bis Oktober) oder Vorträge wie über »Die pädagogischen Grundlagen meines Kunstunterrichts« (3. August) oder »Vom Wesen der Kunsterziehung« (31. Dezember). 

 

1964

Alle bisherigen Ausstellungsaktivitäten Ittens werden von der vom 19. April bis 20. Mai im Kunsthaus Zürich ausgerichteten Retrospektive mit 166 Werken überstrahlt. Daneben ist Itten an Gruppenausstellungen der »Hölzel-Schüler« im Kunsthaus Aarau (7. Juni bis 12. Juli) und an der Exposition Nationale Suisse in Lausanne (April bis September) beteiligt.

 

1965

Am 20. Mai verleiht die Technische Hochschule Darmstadt Itten die Ehrendoktorwürde, wie es in der schriftlichen Widmungsurkunde vom 22. Februar heißt, »für sein erzieherisches Lebenswerk, das die Formgebung unserer Zeit wesentlich beeinflusst hat«. »Die Erziehung zum schöpferischen Menschen« ist auch Thema von Vorträgen, die Itten am 15. und 16. Oktober für den Schweizerischen Werkbund an der ETH Zürich hält. Neben einigen Ausstellungsbeteiligungen finden mehrere kleinere Einzelausstellungen im Kunstverein Frauenfeld (März bis April), in der Kunsthalle Baden-Baden (10. bis 31. Mai) und im Stadthaus Freudenstadt (Juli) sowie schließlich eine Retrospektive mit 146 Werken im Kunstverein Düsseldorf statt (10. Dezember bis 23. Januar 1966).

 

1966

Am 4. Juni wird Itten in Amsterdam mit dem Sikkens-Preis ausgezeichnet, einem der ältesten unabhängigen Kunstpreise in den Niederlanden, der seit 1959 unter anderem an Gerrit Rietveld, Le Corbusier, an Theo van Doesburg, Donald Judd oder an David Chipperfield verliehen wurde. Vom 18. Juni bis 16. Oktober vertritt Johannes Itten bei der 33. Biennale von Venedig – zusammen mit dem Bildhauer Walter Linck – die Schweiz und stellt 42 Werke im Schweizer Pavillon aus. Kleinere Ausstellungsbeteiligungen begleiten dieses Großereignis, wie die Wanderausstellung Schweizer Malerei und Plastik 1945–1965, die zwischen 13. Februar und 4. Dezember in deutschen Museen in Pforzheim, Koblenz, Kassel, Kaiserslautern, Wuppertal oder Bremen gezeigt wird, oder wie eine Ausstellung im Kunsthaus Aarau (September bis Oktober). Am 22. Juni hält Johannes Itten seinen letzten öffentlichen Vortrag in der Akademie in München, über »Probleme der Form und Farbe für den bildenden Künstler«. Das Schweizer Fernsehen widmet Johannes Itten eine Filmdokumentation, die im Juli unter der Regie von Roy Oppenheimer entsteht.

 

1967

Die letzten dokumentarischen Aufnahmen von Johannes Itten entstehen am 7. März während der Filmaufnahmen des Hessischen Rundfunks für den Fernsehfarbfilm »Formen der Farbe«. Johannes Itten stirbt am 25. März in Zürich. Die Trauerfeier findet am 29. März in der reformierten Kirche in Höngg statt, unter anderem mit Ansprachen von Erwin Gradmann (1908–1985), Professor für Kunstgeschichte und Leiter der Graphischen Sammlung an der ETH Zürich, Alfred Roth (1903–1998), Architekt und Ordinarius an der ETH Zürich, und Felix Klee (1907–1990), Künstler und Sohn von Paul Klee.